Reizende Hinweise an PC und Handy

Robert Kellermeier

Du sitzt am PC und arbeitest gerade konzentriert an einem Thema. Plötzlich macht es „Ping“. Zeitgleich erscheint rechts unten auf dem Bildschirm ein Pop-up. Du hast eine neue Mail im Postfach. Die Versuchung ist groß, auf den blinkenden Button zu drücken. Du zwingst dich, die Mail zu ignorieren und weiterzuarbeiten. Gleich darauf leuchtet dein Handy auf. Jemand hat dir eine WhatsApp-Nachricht geschickt. Wieder hast du Mühe, dein Handy nicht in die Hand zu nehmen. Kurze Zeit später blinkt es orange in der Taskleiste. Du hast eine Chatnachricht erhalten. Schließlich klickst du darauf und schweifst nun doch von der eigentlichen Aufgabe ab.

Du kennst solche Situationen sicherlich. Vielleicht hast du dich auch schon darüber geärgert, dass du dich so leicht von Nachrichtenhinweisen ablenken lässt. Allerdings: Diese Hinweise sind extra so gemacht, dass sie dich in ihren Bann ziehen. Es liegt also nicht nur an fehlender Selbstkontrolle. Warum das so ist? Hier eine Erklärung!

Eine reizvolle Umwelt

Wenn wir wach sind, strömt jede Sekunde eine Vielzahl von Reizen auf unser Gehirn ein. Ein Reiz ist ein physikalisches Signal aus der Umwelt, das auf ein Sinnesorgan wirkt. Ein solcher Reiz ist beispielsweise der orange blinkende Chat-Button von MS Teams. Wenn unser Gehirn jedem einzelnen Reiz aus der Umwelt Beachtung schenken würde, wäre es sofort überlastet. Deswegen hat unser Gehirn Filtersysteme, die nur bestimmte Reize durchlassen. Ob ein Reiz beachtet oder ignoriert wird, hängt u.a. davon ab, welche physikalischen Eigenschaften er hat (Becker-Carus & Wendt, 2017).

Welcher Reiz schafft es ins Gehirn?

Zu den physikalischen Eigenschaften eines Reizes zählen insbesondere:

  • Intensität: ein hohes Klingeln ist auffälliger als das Surren eines Kühlschranks
  • Größe: eine Werbetafel ist auffälliger als ein Flyer
  • Kontrast: ein oranges Feld auf grauem Hintergrund ist auffälliger als ein weißes Feld
  • Bewegung: der durchlaufende Newsticker im Fernsehen ist auffälliger als die Titelseite der Tageszeitung
  • Neuheit: ein neues Gesicht im Kollegenkreis ist auffälliger als das bekannter Personen
  • Persönliche Wichtigkeit: ein WC-Schild ist auffälliger als ein Stoppschild, wenn man gerade dringend auf die Toilette muss

Starke Reize auszublenden, kostet Energie

Designer machen sich das Wissen um die Auffälligkeit von Reizen zunutze, zum Beispiel in der Werbung oder bei Benutzeroberflächen von PC und Handy. Das Anliegen ist im Grunde richtig: Die Hinweise auf Nachrichten sind so auffällig gestaltet, damit wir sie nicht unabsichtlich übersehen. Aber wenn wir konzentriert an einem Thema arbeiten, lenken uns diese Hinweise – besonders auf unwichtige Nachrichten – ab. Dann müssen wir Energie aufwenden, um diese auszublenden. Deswegen ist es sinnvoll, die Hinweise für eingehende Nachrichten am PC auszuschalten und das Handy in die Schublade zu packen, wenn wir konzentriert an einer Sache arbeiten wollen.


Fazit: Weniger Blinken ist gut für’s Gehirn

Unsere Fähigkeit, Reize wahrzunehmen und darauf zu reagieren, ist Teil eines ausgeklügelten Systems im Gehirn. Ungünstige Einstellungen für Benachrichtigungen am PC oder Handy überfordern das System jedoch regelmäßig. Hirnfreundlicheres Arbeiten ist zum Glück nur ein paar Klicks entfernt: Visuelle und akustische Hinweise bei E-Mail-Programmen, Messenger-Apps und Betriebssystemen lassen sich gezielt deaktivieren.

Literatur

Becker-Carus, C., & Wendt, M. (2017). Allgemeine Psychologie: Eine Einführung (2. Aufl.). Springer.