
Paul erwachte aus der Narkose und war entsetzt. Der Chirurg hatte ihm eine Hand amputiert. Das war auch so vereinbart gewesen. Die Sache war nur: Die kranke Hand war immer noch da. Stattdessen fehlte die gesunde Hand! Paul rief verzweifelt nach dem Chirurgen. Am Ende des Tages fragten sich alle Beteiligten: Wie hätte man das verhindern können?
Definition von kognitiver Ergonomie
Paul ist eine fiktive Person. Aber die Geschichte dahinter ist wirklich so passiert. Ich habe sie während meines Psychologiestudiums in einem Seminar zum Thema kognitive Ergonomie gehört. Die International Ergonomics Association definiert den Begriff so:
Kognitive Ergonomie befasst sich mit mentalen Prozessen wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken und motorischer Reaktion, soweit sie die Interaktionen zwischen Menschen und anderen Elementen eines Systems beeinflussen. (International Ergonomics Association, 2000)
Wie gestalte ich Denkarbeit hirnfreundlich?
Diese Definition ist inhaltlich bestimmt zutreffend, mir persönlich aber etwas zu technisch und abstrakt. Ich selbst nähere mich dem Begriff der kognitiven Ergonomie daher lieber mit einer einfachen Frage an:
Wie gestalte ich Denkarbeit hirnfreundlich?
Es geht also darum, die Arbeitsaufgabe an die Stärken unseres Gehirns anzupassen. Denn wenn unser Gehirn sich bei der Arbeit leichter tut, passieren weniger Fehler und die Ergebnisse werden besser. Ansatzpunkte hierfür finden sich im Schnittfeld von Psychologie mit Ingenieurwissenschaften, Design, Architektur, Pädagogik, Arbeitswissenschaften, Soziologie, Medizin, Physiologie und Informatik.
Die Gegenmaßnahme: Labeling im OP
Aus dem Bereich der kognitiven Ergonomie gibt es eine Vielzahl von simplen, aber sehr effektiven Maßnahmen dafür. Im Fall von Paul gab es im Nachgang eine ausführliche Fehleranalyse im OP-Team. Dann wurde eine einfache Gegenmaßnahme festgelegt: Ab sofort markiert der Patient das zu operierende Körperteil mit einem Filzstift. Er schreibt „Ja“ darauf oder malt einen Pfeil auf. Der Chirurg ist währenddessen anwesend. Im OP-Saal kann man nun leicht sehen, welches Körperteil operiert werden soll. Man spricht von Labeling, wenn ähnliche Gegenstände optisch so markiert werden, dass man sie leicht unterscheiden kann.

Kognitive Ergonomie im Alltag: Ein einfaches Beispiel
Die Geschichte von Paul hat mich seither nicht mehr losgelassen. Ich überlege daher oft, wie ich kognitive Ergonomie praktisch in meinem Alltag und Job anwenden kann. Denn solche Maßnahmen funktionieren auch außerhalb des OP-Saals. Ein simples Beispiel sind Schlüsselanhänger. In der Arbeit teile ich mir ein Büro mit Kollegen. Es gibt einen großen Schlüsselkasten. Darin befinden sich über 30 Schlüssel für Schränke und Rollcontainer. Am Morgen muss ich aber nicht lange darüber nachdenken, welcher Schlüssel zu meinem Schrank gehört. Jeder Schlüssel hat einen farbigen Anhänger und ist zudem beschriftet. Ich erkenne meinen auf den ersten Blick, dank dieser hirnfreundlichen Gestaltung.
Fazit: Hirnfreundlicher statt härter arbeiten
Für mich ist das die Essenz von kognitiver Ergonomie: Wie gestalte ich Denkarbeit hirnfreundlich? Denn es ist einfacher, Denkaufgaben an die Möglichkeiten und Grenzen des menschlichen Gehirns anzupassen als das Gehirn an die Aufgabe.
Literatur
International Ergonomics Association. (2000). Definition and domains of ergonomics. Abgerufen am 6. Juli 2025 von https://iea.cc/what-is-ergonomics/