Kognitive Ergonomie: Ist das nicht Nudging?

Robert Kellermeier

In meiner Freizeit spiele ich gern Basketball. Dafür treffe ich mich mit vielen Gleichgesinnten regelmäßig in der Turnhalle. Als Übungsleiter bin ich dafür verantwortlich, die Spieler in Teams einzuteilen. Damit die Mannschaften besser unterscheidbar sind, bekommt jeder Spieler ein Band in der jeweiligen Teamfarbe. Nach Trainingsende räumen die Spieler ihre Bänder brav zurück in den Ballschrank. Hier begann bis vor Kurzem mein Problem: Meine Mitspieler stopften die Bänder einfach in den Ballschrank. Es gab keinen festen Ablageort für sie. Deswegen landeten die Bänder dort, wo meine Mitspieler es für richtig hielten. Ich wiederum war bei jedem Trainingsbeginn damit beschäftigt, die Bänder im Ballschrank zu suchen.

Bänderbox statt Ballschrankchaos

Meine Lösung ist simpel: Eine Plastikbox, die bei Trainingsende neben der Umkleidetür steht. Wer daran vorbeigeht, wirft sein Band in die Box. Aus meiner Sicht eine klassische Win-Win-Situation dank kognitiver Ergonomie. Meine Mitspieler müssen nicht mehr nach einen geeigneten Ablageort im Ballschrank suchen. Ich spare mir Zeit und Nerven, weil ich die Bänder sofort finde. Soweit so gut. Allerdings kam bei mir kurz der Gedanke auf: Ist das nicht eigentlich Nudging statt kognitiver Ergonomie?

Was ist Nudging eigentlich?

Nudging (zu Deutsch „Anstoßen“ oder „Stupsen“) bedeutet, jemand auf eine mehr oder weniger subtile Weise dazu zu bringen, etwas Bestimmtes zu tun oder zu lassen (Thaler & Sunstein, 2008). Es geht also darum, das Verhalten einer Person oder Gruppe in eine bestimmte Richtung zu ändern. Hierfür gibt es verschiedene Methoden wie Defaults (Vorgabewert), die selektive Bereitstellung von Informationen oder Gamification (Spielerische Elemente einbauen). Ein bekanntes Beispiel für Nudging ist die Anordnung eines Kantinenbuffets: Gesundes Essen wie Obst oder Salat werden so platziert, dass sie in Griffnähe sind. Süßer Kuchen und fettige Pommes stellt man so hin, dass sie schwer erreichbar sind. Letztlich dienen all diese Maßnahmen dazu, Menschen so zu beeinflussen, dass sie die „richtige“ Entscheidung treffen. Insofern könnte meine Bänderbox auch unter Nudging fallen, oder?

Kognitive Ergonomie ist wertneutral

Aus meiner Sicht besteht der Unterschied darin, dass die Anwendungsprinzipien der kognitiven Ergonomie wertneutral sind. Es geht nicht primär darum, eine vermeintlich richtige Entscheidung subtil herbeizuführen. Vielmehr sollen Denk- und Entscheidungsprozesse ganz allgemein unterstützt werden (Kalakoski, 2019). Kognitive Ergonomie dient dazu, die individuelle Autonomie zu steigern, indem das Gehirn bei seiner Arbeit entlastet wird. Um beim Beispiel mit der Bänderbox zu bleiben: Für meine Mitspieler wurde aus der Denkaufgabe „Finde einen passenden Ort für das Band im Ballschrank“ die einfache Challenge „Lege das Band in die Box.“ Für mich lautete die Aufgabe nicht mehr „Durchsuche den gesamten Ballschrank nach den Bändern“, sondern „Finde die Box im Ballschrank.“ Die Denkarbeit wurde für beide Seiten deutlich einfacher.

Fazit: Unterstützen statt lenken

Nudging und kognitive Ergonomie ähneln sich insbesondere in der Hinsicht, dass Maßnahmen aus beiden Bereichen sowohl äußere Umwelt als auch innere Prozesse abzielen. Der große Unterschied liegt aber darin, dass Nudging Einfluss auf die Ziele einer anderen Person nimmt. Kognitive Ergonomie soll vor Überforderung schützen, um Fehler zu vermeiden und effizienter zu arbeiten. Die Richtung des Denkens und Handelns gibt aber immer die jeweilige Person selbst vor.

Literatur

Kalakoski, V. (2019). Cognitive ergonomics. In OSHwiki – Safety and health at work (EU-OSHA). Abgerufen am 6. Juli 2025 von https://oshwiki.osha.europa.eu/en/themes/cognitive-ergonomics

Thaler, R. H., & Sunstein, C. R. (2008). Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness (S. 6). Penguin Books.

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