Ergonomie – ein Bürostuhl fürs Gehirn?

Robert Kellermeier

Wenn der Begriff Ergonomie fällt, denken die meisten Menschen an einen einstellbaren Bürostuhl, den richtigen Abstand zwischen Augen und Monitor, falsches Heben von schweren Lasten oder Fitnessübungen am Arbeitsplatz. Das sind wichtige Aspekte, sie zeigen aber nicht das ganze Bild. Es gibt nämlich einen Teilbereich der Ergonomie, der sich speziell mit den Grenzen und Bedürfnissen des menschlichen Gehirns beschäftigt: kognitive Ergonomie.

In diesem Artikel geht es darum, in welchem Verhältnis kognitive Ergonomie zum allgemeinen Ergonomiebegriff steht und welche Besonderheiten es gibt. Vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedliche Definitionen und Einordnungen der gleich folgenden Begrifflichkeiten zu finden sind. Ich nutze hier eine Darstellung, die sich in der Praxis bewährt hat. Andere Perspektiven sind natürlich ebenso berechtigt.

Ergonomie als Teil der Arbeitswissenschaft

Ergonomie ist ein Teilbereich der Arbeitswissenschaft. Kernthema der Arbeitswissenschaft ist es, wie man Arbeit menschengerecht gestaltet. Im Teilbereich Ergonomie geht es speziell um die Frage, wie Arbeitsplätze, Werkzeuge und Aufgaben so gestaltet werden können, dass sie den Fähigkeiten und Bedürfnissen von Menschen entsprechen (Kroemer & Elbert, 2017). Ziel dabei ist es, Fehler zu reduzieren, Belastungen zu vermeiden und die Arbeitsqualität zu verbessern.

Das Kleeblatt der Ergonomie

Ergonomie lässt sich wiederum in drei Untergruppen unterteilen (Adler et al., 2010):

  1. Physische Ergonomie
  2. Organisatorische Ergonomie
  3. Kognitive Ergonomie

Ich stelle mir hier gerne ein dreiblättriges Kleeblatt vor, bei dem jeder Teilbereich ein eigenes Blatt bildet. Eine solche bildliche Darstellung entspricht keiner international anerkannten Norm. Allerdings halte ich dieses Bild für eine sinnvolle Merkhilfe.

Physische Ergonomie: Was braucht der Körper?

Das erste Blatt ist die physische Ergonomie. Sie ist wahrscheinlich den meisten bekannt und bezieht sich vor allem auf Körperhaltung und Bewegungen am Arbeitsplatz. Die in der Einleitung dieses Artikels genannten Beispiele – der passend eingestellte Bürostuhl oder der richtige Abstand Auge-Monitor – gehören zu diesem Teilbereich der Ergonomie. Besonders in klassischen Produktionsunternehmen finden sich viele weitere Anwendungsfälle: Kräne, Hebetische, Stehmatten, Rollwagen, Knieschoner und so weiter. Auf den Punkt gebracht geht es bei physischer Ergonomie um die Frage: Was braucht der Körper, um an seine Grenzen und Bedürfnisse angepasst arbeiten zu können?

Organisatorische Ergonomie: Wie funktioniert Zusammenarbeit?

Das zweite Blatt ist die organisatorische Ergonomie. Hier geht es darum, wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Rollenverteilungen bei der Arbeit am besten funktionieren. Dazu zählen beispielsweise flexible Arbeitszeiten angepasst an die individuelle Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf. Ein anderes Beispiel ist die Anzahl der Personen, die sich gemeinsam ein Büro teilen müssen. Die Kernfrage bei der organisatorischen Ergonomie lautet einfach gesagt: Wie organisiert man das Miteinander am Arbeitsplatz am besten?

Kognitive Ergonomie: Was braucht das Gehirn?

Das dritte Blatt ist der Bereich kognitive Ergonomie. Der Begriff Kognition wird in der Wissenschaft unterschiedlich definiert. Vereinfacht gesagt sind damit so komplexe Vorgänge in unserem Gehirn gemeint wie Wahrnehmen, Schlussfolgern, Verstehen, Lernen, Kreativität, Erinnern, Problemlösen, Denken und Entscheiden (Becker & Carus, 2017). Um es für mich und andere einfacher zu machen, verwende ich für alle diese Prozesse meistens nur den Begriff Denken. Ein typisches Anwendungsgebiet von kognitiver Ergonomie ist die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen. Wenn wir einen PC oder ein Handy benutzen, machen wir genau das. Leicht verständliche und einfach zu bedienende Softwaremenüs sind ein Beispiel für gelungene kognitive Ergonomie bei einer Mensch-Maschine-Interaktion. Aus meiner Sicht geht kognitive Ergonomie aber über reine Mensch-Maschine-Interaktionen hinaus. Im Zentrum steht eine Frage, die die komplette Arbeitsaufgabe umfasst: Was braucht das Gehirn, um effektiv und gesund arbeiten zu können? Oder anders ausgedrückt: Wie gestalte ich Denkarbeit hirnfreundlich?

Psychische Ergonomie als Ergänzung

Ergänzend zu den gerade vorgestellten drei Teilgebieten gibt es Modelle, in denen mit der sog. psychischen Ergonomie ein viertes Kleeblatt eingeführt wird. Bei psychischer Ergonomie geht es um psychische Beanspruchung, Motivation und emotionales Erleben am Arbeitsplatz. In Deutschland ist dieser Bereich durch die Norm DIN EN ISO 10075 systematisch erfasst und unter dem Begriff „psychische Arbeitsbelastung“ beschrieben. Allerdings zählt sie nicht zu den klassischen drei Gestaltungsfeldern der Ergonomie, sondern ist mehr als übergreifendes Konzept mit Verbindungen zu ihnen zu verstehen.

Wie alles zusammenwirkt

Natürlich überlappen sich die eben vorgestellten drei Teilgebiete der Ergonomie stellenweise und nehmen gegenseitig aufeinander Einfluss. Ein Beispiel: Jana teilt sich ein Büro mit drei Kollegen. Im Winter friert Jana oft, weil es im Büro sehr kalt ist (physisch). Den Kollegen ist schnell warm, deswegen diskutieren sie regelmäßig mit Jana darüber, ob die Heizung wirklich laufen muss (organisatorisch). Weil sie friert, ist Jana häufig unkonzentriert bei der Arbeit (kognitiv). Daher ist es wichtig, die Bereiche physische und organisatorische Ergonomie zu berücksichtigen, wenn die kognitive Ergonomie bei einer Arbeitsaufgabe verbessert werden soll. Umgekehrt gilt aber genauso, dass es oft mehr als physische und organisatorische Maßnahmen braucht, um eine Aufgabe auch kognitiv ergonomisch zu machen. Oder kurz gesagt: Ein Bürostuhl allein macht Denkarbeit nicht automatisch hirnfreundlicher.

Fazit: Designer im Kleinen

Ergonomie beschäftigt sich mit der menschengerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen, Werkzeugen und Aufgaben. Sie lässt sich in drei Teilgebiete gliedern: physisch, organisatorisch und kognitiv. Alle drei Teilgebiete wirken zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Wer Denkarbeit wirklich hirnfreundlich gestalten möchte, darf deswegen auch die physischen und organisatorischen Aspekte nicht vergessen.

Literatur

Adler, M., Herrmann, H.-J., Koldehoff, M., Meuser, V., Scheuer, S., Müller-Arnecke, H., Windel, A., & Bleyer, T. (2010). Ergonomiekompendium: Anwendung ergonomischer Regeln und Prüfung der Gebrauchstauglichkeit von Produkten (1. Aufl.). Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2116-2.pdf?__blob=publicationFile

Becker-Carus, C., & Wendt, M. (2017). Allgemeine Psychologie: Eine Einführung (2. Aufl., S. 357). Springer.

International Organization for Standardization. (2017). DIN EN ISO 10075-1: Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung – Teil 1: Allgemeines und Begriffe (ISO 10075-1:2017). Beuth Verlag

Kroemer, K., & Elbert, K. (2017). Fitting the Human: Introduction to Ergonomics/Human Factors Engineering (7. Aufl.). CRC Press.