Blau statt Vier: Wenn Orientierung farbig wird

Robert Kellermeier

Hirnfreundliche Parkhäuser sind bunt. Genauer gesagt: In hirnfreundlichen Parkhäusern sind die verschiedenen Parkebenen in unterschiedlichen Farben gehalten. Die Beschilderungen, Türen, oder Parkplatznummern der ersten Ebene sind dann zum Beispiel alle einheitlich grün. Im zweiten Stockwerk sind sie gelb, im dritten rot und vierten blau. Warum ist diese farbliche Gestaltung hirnfreundlicher, als wenn die Stockwerke nur mit Ziffern gekennzeichnet sind?

Farben als Superkraft des Gehirns

Unser Gehirn ist ein wahrer Meister darin, Farben zu erkennen. Schätzungen zufolge, sind wir dazu in der Lage, annähernd sieben Millionen verschiedene Farbstufen voneinander zu unterscheiden (Becker-Carus & Wendt, 2017, S. 97). Bereits Babys im Alter von vier Monaten nehmen Farben so wahr wie Erwachsene (Franklin et al., 2010, S. 49). Wenn du dich selbst von dieser Superkraft überzeugen möchtest: Lass dir bei deinem nächsten Besuch im Baumarkt einen Farbfächer geben und teste, ob du alle Farben voneinander unterscheiden kannst.

Ziffern: Symbolisches Denken braucht Training

Ziffern sind Zahlenzeichen, die wir erst im Laufe der Kindheit kulturell erlenen (Sternberg & Ben-Zeev, 2012, S. 213 – 240). Das Gehirn muss dafür eine konkrete Anzahl von Gegenständen mit einem Zahlenzeichen in Verbindung bringen. Die Aufgabe lautet somit beispielsweise: „Verknüpfe 🍎🍎🍎 mit 3“. Konkret wird ein Zahlenzeichen also erst mit einem Gegenstand oder einer Einheit dahinter. Aber natürlich können wir uns ein Zahlenzeichen auch rein als Symbol merken. Ich muss nicht wissen, was das Symbol 3 im Parkhaus bedeutet. Wenn mein Auto in der Nähe des Symbols 3 geparkt ist, muss ich später nur die 3 anhand ihrer Form wiedererkennen, um mein Auto zu finden.  

Farbcodierung als Gedächtnisstütze

Menschen können also schon sehr früh und gut in ihrer Entwicklung Farben sehen. Zahlenzeichen müssen sie erst mühsam erlernen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir Farben leichter im Gedächtnis abspeichern können als Zahlen. Die farbliche Gestaltung von Parkebenen ist also eine Gedächtnisstütze: Das Auto wird im 4. Stockwerk geparkt. Das 4. Stockwerk ist blau. Statt sich das Symbol 4 zu merken, merkt sich das Gehirn die Farbe Blau.  

Fazit: Farbe gibt Orientierung

Die farbliche Gestaltung von Parkebenen ist nicht nur ein ästhetisches Detail, sondern ein Beispiel für praktische kognitive Ergonomie im Alltag. Farben werden vom Gehirn früher, schneller und intuitiver verarbeitet als Ziffern. Deswegen erleichtern uns Farben die räumliche Orientierung, besonders in komplexen oder ungewohnten Situationen wie Parkhäusern. Wer sein Auto in „Blau“ statt in „Stockwerk 4“ verortet, nutzt damit eine hirnfreundliche Gedächtnisstütze.

Literatur

Becker-Carus, C., & Wendt, M. (2017). Allgemeine Psychologie: Eine Einführung (2. Aufl.).

Franklin, A., Bevis, L., Ling, Y., & Hurlbert, A. (2010). The development of color preference in infancy. British Journal of Developmental Psychology. https://ccforum.biomedcentral.com/articles/10.1186/cc7792

Sternberg, R. J., & Ben-Zeev, T. (Eds.). (2012). The nature of mathematical thinking. Routledge.