Alt werden und Rot sehen

Robert Kellermeier

Mit zunehmendem Alter nimmt unsere körperliche Leistungsfähigkeit ab, selbst wenn wir den Prozess durch ein entsprechendes Training verlangsamen können. Dieser Abbauvorgang findet schleichend statt. Wir bemerken ihn im Alltag oft erst bei gezielten Belastungen: Den vollen Wasserkasten zu stemmen, fällt uns mit 70 Jahren schwerer als im Alter von 25. Auch ein Sprint wird uns mit 85 nicht mehr so gut gelingen, wie noch mit 40. Und wie steht es mit der Wahrnehmung von Farben?

Alle Farben im Alter

In ihrem Buch Demenzsensible Architektur beschreibt die Architektin und Gerontologin Birgit Dietz (2018) ein interessantes Phänomen: Mit zunehmendem Alter sehen wir die Farben Blau und Violett bei natürlichem Tageslicht deutlich schlechter – soweit keine Überraschung. Spannenderweise können wir die Farben Gelb, Orange und Rot aber noch sehr gut unterscheiden. In Anlehnung an S. 64 des vorgenannten Buchs kann man dieses Phänomen grafisch vereinfacht so darstellen:

Warum Rot gut sichtbar bleibt, Blau aber nicht

Welche Erklärung gibt es dafür, dass Menschen auch im Alter Rot gut erkennen können? Ganz allgemein gilt: Licht besteht aus Strahlen verschiedener Wellenlängen. Wenn Licht auf einen Gegenstand trifft, wird ein Teil der Strahlen vom Gegenstand „verschluckt“. Der Rest wird reflektiert. Dieser Rest trifft auf das menschliche Auge und wird über verschiedene Stationen im Gehirn verarbeitet. Die Interpretation dieser Strahlen durch das Gehirn nennen wir dann Farben. 

Im Alter verändert sich das menschliche Auge, genauer gesagt, die Linse. Diese wird mit zunehmendem Alter gelblicher, weil sich Eiweiße darin einlagern. Das ist ein natürlicher Prozess. Er führt aber dazu, dass die Linse weniger kurzwellige Strahlen ins Auge lässt. Diese kurzwelligen Strahlen interpretiert das Gehirn als blau-violette Farbe. Blau-violettes Licht spielt außerdem eine große Rolle bei der Tiefenwahrnehmung. In der Ferne erscheinen Farben meist matter, heller und blauer. Das menschliche Gehirn verbindet die Farbe Blau also mit „Gegenstand ist weiter weg.“ Weil das blaue Licht im Alter zunehmend ausgefiltert wird, wirken rote Gegenstände daher auch größer.

Für den Alltag ergibt sich daraus eine einfache Empfehlung: Wenn wir möchten, dass auch Menschen im höheren Alter bestimmte Dinge gut erkennen können, sollten diese rot sein. Im Straßenverkehr findet man mit dem Stoppschild ein gutes Beispiel. In Krankenhäusern sind beispielsweise Stühle oft mit rotem Stoff überzogen. Bisher habe ich den roten Stühlen keine Beachtung geschenkt und als „typisch Krankenhaus“ abgetan. Vor dem eben genannten Hintergrund ist die Rotfärbung aber eine sinnvolle Maßnahme. Auch rote Lichtschalter oder Geschirr mit rotem Muster in Pflegeheimen haben dieselbe Funktion.

Fazit: Im Alter auf Rot setzen

Mit zunehmendem Alter verändert sich unsere Farbwahrnehmung. Besonders Farben im blauen Bereich erkennen wir schlechter. Dagegen sehen wir Rot weiterhin gut. Dieser Umstand wird bei der Gestaltung von Alltagsumgebungen zunehmend berücksichtigt, etwa in Pflegeeinrichtungen, im Straßenverkehr oder in Kliniken. Wer Dinge für ältere Menschen sichtbar machen will, sollte auf Rot setzen. So wird unser Alltag im Alter ein Stück hirnfreundlicher.