Idiotensicher: Von der Piste ins Büro

Robert Kellermeier

Im letzten Winterurlaub: Ich fahre mit der Seilbahn hoch zur Gipfelstation. Das Tauwetter hat schon eingesetzt. Von den Schneemassen ist nur noch die präparierte Skipiste übrig. Sie schlängelt sich wie ein weißes Band auf dem ansonsten schon grünbraunen Hang hinunter ins Tal. Plötzlich überfliege ich mit der Gondel eine seltsame Szene. Unterhalb einer Rechtskurve liegt eine Skifahrerin im Dreck. Zum Glück sind schon ein paar Helfer vor Ort. Die Skifahrerin ist augenscheinlich in der Kurve geradeaus weitergefahren, obwohl blaue Hinweisschilder mit weißen Pfeilen darauf den Weg markieren. Beide Pfeile zeigen eindeutig nach rechts. Ich wundere mich, wie der Unfall passieren konnte.

Was wirklich passiert ist

Ein paar Minuten später stehe ich an der Gipfelstation und fahre die Strecke ein Stück weit ab. Langsam wird mir der Unfallhergang klar. Am oberen Teil der Piste sind die Pfeile so gesteckt, dass die Piste zwischen ihnen hindurch führt. Für die Skifahrerin ergab sich dadurch im Kopf die klare Regel: Immer zwischen den blauen Schildern fahren! In der Rechtskurve galt diese Regel aber nicht mehr. Hier zeigten die beiden Pfeile plötzlich nach rechts. Die Frau bemerkte das allerdings nicht. Immerhin unterschieden sich die Schilder nur minimal von den vorherigen, indem eine Pfeilspitze in eine andere Richtung zeigte. Dieses wichtige Detail hatte die Frau also übersehen. Sie war gemäß der bisher geltenden Regel gefahren – mit schlimmen Folgen.

routinen-unfall

Idiotensicher

Mir kam dabei der Ausdruck „idiotensicher“ in den Sinn. Nicht, weil ich denke, dass die Skifahrerin besonders dumm gewesen ist. Idiotensicher bezieht sich auf einen Gestaltungsprozess, bei dem menschliche Fehler durch leicht verständliche Designs minimiert werden (Stewart & Grout, 2001). Das Konzept des idiotensicheren Designs entstand aus dem Bereich der Sicherheit, bei dem der Designer mögliche Gefahren durch Fehlgebrauch vorhersehen muss und somit verhindert, ganz egal, wie „idiotisch“ dieser Fehlgebrauch auch ausfällt (Bucciarelli, 2017). Damit war ich bei den Pistenverantwortlichen angelangt: Sie hätten die Fahrstrecke so ausschildern müssen, dass sie idiotensicher ist. Schon ein Warnhinweis oder ein Richtungsschild in einer anderen Farbe hätten wahrscheinlich genügt, um den Unfall zu verhindern. Die optische Abhebung hätte genügt, um die Aufmerksamkeit der Skifahrerin auf sich zu ziehen und aus ihrem Automatismus zu reißen.

Vom Berg ins Büro

Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass es im Alltag oder im Büro oft ganz ähnlich abläuft wie auf der Skipiste. Auch dort macht niemand absichtlich etwas falsch. Viel häufiger habe ich eine Aufgabe nur so formuliert, dass ein bestimmtes Missverständnis fast schon zwangsläufig auftreten musste. Die andere Person läuft im Automodus und folgt alten Pfaden, weil ich sie nicht richtig instruiert habe. Dann ist es eigentlich unfair, mich über das Ergebnis zu ärgern. Stattdessen macht es Sinn, einen Moment innezuhalten und zu überlegen, wie ich die Aufgabe so hätte stellen können, dass der „richtige Weg“ klarer gewesen wäre. Oder anders formuliert: Wie wäre die Aufgabe idiotensicher gewesen?

Fazit: Iditionsicher für weniger Fehler

Fehler entstehen oft nicht durch fehlende Kompetenz, sondern durch unklare oder missverständlich vorbereitete Aufgaben. Wer Aufgaben so formuliert, dass der richtige Weg eindeutig erkennbar ist, verhindert viele Schwierigkeiten von vornherin.

Literatur

Bucciarelli, L. L. (2017). Is idiot proof safe enough? In Engineering ethics (pp. 275–283). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781315256474-24

Stewart, D. M., & Grout, J. R. (2001). The human side of mistake-proofing. Production and Operations Management, 10(4), 440–459. https://doi.org/10.1111 j.1937-5956.2001.tb00086.x