
Neulich las ich in einem Ratgeber sinngemäß: „Wenn Sie möchten, dass Ihre Mitarbeiter im Meeting kreativer sind, entfernen Sie die Stühle aus dem Raum und halten Sie die Besprechung im Stehen ab.“ Den Grundgedanken fand ich ja richtig: Verschiedene Arten von Denkarbeit brauchen unterschiedlich gestaltete Räume. Aber nur die Stühle zu entfernen, um Kreativität zu fördern, erschien mir dann doch etwas zu einfach.
Wer kocht schon im Bad?
Interessanterweise ist es im Privatleben klar, dass wir bestimmte Tätigkeiten in unterschiedlichen Räumen verrichten. Wir waschen uns im Bad, kochen in der Küche und schlafen im Schlafzimmer. Die wenigsten würden auf die Idee kommen, ein Dinner mit Gästen im Hausflur zu veranstalten. Dagegen gibt es in vielen Unternehmen nur wenige Räume, die auf bestimmte Arten von Denkaufgaben hin angepasst sind. Es wird von Mitarbeitern erwartet, dass sie im selben Raum kreative Ideen entwickeln, hochkomplexe Problemstellungen bearbeiten und zwischendurch entspannen.
Gestaltungsempfehlungen aus der Forschung
Forschende des Fraunhofer Instituts haben wissenschaftliche Befunde zusammengetragen, wie die Eigenschaften eines Büroraums auf Menschen wirken (2019). Dabei zählen sie eine ganze Reihe von Einflussfaktoren auf, darunter Deckenhöhe, Lichtverhältnisse, Gerüche, Pflanzen, Farben bzw. Material von Inventar und Wänden. Zwar ist noch nicht umfassend erforscht, wie diese Faktoren in Kombination miteinander wirken, trotzdem gibt es Hinweise darauf, wie Räume für Kreativität, konzentriertes Arbeiten und Entspannung gestaltet sein sollten. Die Forschenden schlagen vor:
| Räume für Kreativität Die meisten Menschen bevorzugen bei kreativen Tätigkeiten eine eher geringe Beleuchtungsstärke und einen mittleren Geräuschpegel. Außerdem haben grüne Pflanzen und Naturmaterialien wie Holz oder Stein einen positiven Einfluss auf Kreativität. Auch die Raumhöhe hat einen Einfluss: Hohe Räume (Deckenhöhe 3 m) regen zu kreativerem Denken an. Aus persönlicher Erfahrung möchte ich noch ergänzen, dass für kreatives Arbeiten mobile Möbel (rollbare Tische, Stühle, Flipcharts) vorteilhaft sind. Entsprechende wissenschaftliche Befunde liefern Meinel und Kollegen (2017). |
| Räume für konzentriertes Arbeiten Während hohe Decken Kreativität fördern, sollten Räume für konzentriertes Arbeiten eine normale Deckenhöhe haben. Pflanzen und der Blick in die Natur unterstützen die Konzentrationsfähigkeit ebenfalls. Die Lichttemperatur sollte einen hohen Blauanteil beinhalten. Räume für konzentriertes Arbeiten sollten zudem ruhig und möglichst frei von Störquellen sein. |
| Räume für Entspannung Räume zur Erholung sollten frei von Lärm aber nicht totenstill sein. Blaue oder grüne Raumfarben tragen zudem zur Entspannung bei. Wie bei den beiden anderen Raumtypen sollten Naturelemente und Pflanzen eingesetzt werden, da sie entspannend wirken. Außerdem lösen Tageslicht und ein Blick in die Natur positive Stimmung aus. Daher sind Fenster wichtig. |
Realistische Raumgestaltung
Selbstverständlich werden die wenigsten Unternehmen – allein schon aus Kostengründen – sofort alle ihre Räume auf die jeweilige Denkarbeit hin umgestalten. Außerdem gibt es oft nicht genügend Fläche für unterschiedliche Raumtypen. Doch einzelne Bausteine (Pflanzen ins Büro holen, Naturbilder aufhängen, die Lichtquellen anpassen, Schallschutzwände aufstellen etc.) lassen sich preisgünstig und schnell umsetzen. Bei neuen oder zu sanierenden Büroräumen bietet sich aber eine wunderbare Gelegenheit, sie zweckdienlich und hirnfreundlich zu planen.
Fazit: Räume beeinflussen Denken
Wenn du kreative oder konzentrierte Denkarbeit fördern oder deinem Gehirn eine Pause gönnen willst, solltest du deine Umgebung gezielt entsprechend gestalten. Schon kleine Maßnahmen wie Pflanzen, Lichttemperatur oder flexible Möbel können eine Wirkung haben. Wenn möglich, geh gezielt in unterschiedliche Räume für unterschiedliche Denkaufgaben. Hirnfreundliche Raumgestaltung sollte kein Luxus sein, sondern eine Investition in die Personen, die in dem Raum arbeiten.
Literatur
Bauer, W. (Hrsg.). (2019). Raumpsychologie für eine neue Arbeitswelt: Environmental psychology for a new world of work. Fraunhofer Verlag. https://publica.fraunhofer.de/bitstreams/87e1217d-eead-44a9-bc44-3969f316ead0/download
Meinel, M., Maier, L., Wagner, T., & Voigt, K.-I. (2017). Designing Creativity‑Enhancing Workspaces: A Critical Look at Empirical Evidence. Journal of Technology and Innovation Management, 1(1), 1–12.