
Früher: Ich stehe ratlos vor meinem Vorratsregal. Eigentlich möchte ich in den Supermarkt. Davor muss ich den Einkaufszettel schreiben. Allerdings weiß ich nicht genau, was fehlt. Ich kann mich zwar noch daran erinnern, dass keine Nudeln mehr da sind. Oliven sind auch ausgegangen. Aber was stand nochmal in der Lücke zwischen dem Mais und den Bohnen?
Heute: Ich stehe vor meinem Vorratsregal und mein Einkaufszettel ist in 3 Minuten fertig. Ich brauche 2 Packungen Reis, 3 Dosen Thunfisch, 1 Flasche Ketchup und 3 Gläser Pesto.
Was hat sich geändert? Ich habe aus meinem Vorratsregal einen kleinen Supermarkt gemacht. Mein Mini-Supermarkt funktioniert fast genauso wie sein großer Bruder. Alle Artikel haben im Vorratsregal einen festen Platz bekommen. Die Dosentomaten stehen neben dem Ketchup, darüber die Nudeln und so weiter. Dann hat jede Stelle ein Warenschild erhalten. Auf dem Schild steht, welcher Artikel dort seinen Platz hat und wie viele Stück davon da sein sollen. „Pesto (3)“ bedeutet, dass 3 Gläser Pesto an diesem Platz im Regal stehen sollten. Wenn ich dort nicht 3 Gläser finde, kaufe ich die fehlende Menge nach.

Recognition und Recall
Das Supermarktprinzip erleichtert mir die Denkarbeit sehr. Bevor ich meinen Mini-Supermarkt hatte, musste ich jedes Mal frei aus dem Gedächtnis abrufen, welche Artikel ausgegangen waren. Wissenschaftlich nennt man diese Art, sich zu erinnern, Recall. Heute verwende ich eine viel einfachere Art des Erinnerns, nämlich Recognition. Das bedeutet, Dinge mit Hilfe von äußeren Hinweisen wiederzuerkennen. In meinem Fall rufe ich mir die fehlenden Artikel über die Warenschilder ins Gedächtnis. Wiedererkennen ist deutlich hirnfreundlicher als freies Erinnern (Cabeza et al., 1997).
Denkballast abladen
Was ich mit meinem Mini-Supermarkt gemacht habe, nennt man in der kognitiven Ergonomie Cognitive Offloading (Risko & Gilbert, 2016). Damit ist gemeint, Denkprozesse (z. B. Erinnern, Rechnen, Planen) aus dem Gehirn in die Außenwelt auszulagern. Das führt zu weniger Belastung im Gehirn. Hier sind ein paar weitere Beispiele dafür:
- Termine im Kalender eintragen, anstatt sie sich zu merken
- eine Navigationsapp nutzen, anstatt die Route selbst zu planen
- Passwortmanager verwenden, anstatt alle Passwörter im Kopf zu behalten
- Fotos vom Innenleben einer Maschine machen, bevor man sie zerlegt
- wichtige Webseiten als Favoriten speichern, um sie schneller wiederzufinden
Fazit: Mein Mini-Supermarkt ist super für mein Gehirn
Mein Mini-Supermarkt zeigt, wie wirkungsvoll Cognitive Offloading im Alltag sein kann. Durch clevere Ordnung und Beschriftung heißt es: einfaches Wiedererkennen statt schwierigem freiem Erinnern. So bleibt dem Gehirn mehr Energie für die wirklich wichtigen Aufgaben.
Literatur
Cabeza, R., Kapur, S., Craik, F. I. M., McIntosh, A. R., Houle, S., & Tulving, E. (1997). Recognition memory requires less brain activity than recall. NeuroImage, 6(2), 167–176
Risko E. F., Gilbert S. J. (2016). Cognitive Offloading. Trends in Cognitive Sciences, 20, 676–688.